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Kleiner Grenzverkehr auf der Buslinie 505

Ziemlich genau 25 Kilometer sind es von Debstedt bis an die südlichste Spitze Bremerhavens in Wulsdorf. Gut 75 Minuten dauert die Fahrt mit der Buslinie 505. Keine Weltreise, aber doch eine Reise durch ganz verschiedene Welten. Meine Multi-Media-Reportage zeigt, wie sich die Welt zwischen Debstedt und Wulsdorf Haltestelle für Haltestelle verändert.

[Zur Multi-Media-Reportage]

Ausgabe der Nordsee-Zeitung zur Buslinie 505.
Ausgabe der Nordsee-Zeitung zur Buslinie 505.

Beim Taxifahren träumt er vom Fliegen

Nordenham. Es ist Mitternacht und Mehmet Ertas Sahin rechnet mit dem letzten Tag ab. „Drei, vier, sechs, acht, zehn – das Kleingeld ist ein bisschen lästig.“ Die Bilanz des Taxifahrers fällt nicht üppig aus. Gleich geht es wieder los – durch die Nacht.

Mehmet Ertas Sahin setzt sich ans Steuer und dreht den Schlüssel um. In der gerade zwei Jahre alten Mercedes E-Klasse fährt die Elektronik hoch – ein leichtes, sachliches Summen erklingt, dann startet der Motor. Im Rückspiegel leuchtet dezent eine rote Null – das Taxameter fällt kaum auf.

Mehmet Ertas Sahin

Aus den Boxen kommt Musik von Gülsen – Sahin ist ein großer Fan der türkischen Pop-Sängerin. Immer griffbereit liegen ein paar Schokoriegel. „Falls man schnell mal Energie braucht.“

Es ist Freitagnacht. Die Straßen in Nordenham sind menschenleer. Das orangefarbene Blinklicht der Ampeln gibt den Takt in der Dunkelheit vor. Das Taxi von Mehmet Ertas Sahin gleitet über die Martin-Pauls-Straße Richtung Innenstadt. Der Taxi-Stand am Bahnhof ist das Ziel. Einreihen und auf Kundschaft warten heißt es dann.

Warten auf Kundschaft

„Die Stadt hat sich entwickelt“, sagt der Taxi-Unternehmer, „früher lief das einfach, jetzt ist es anders.“ Die Augen von Mehmet Ertas Sahin wirken im Rückspiegel ein wenig traurig, als er das sagt.

Mehmet Ertas Sahin parkt das Taxi in der Müllerstraße. Vor ihm haben sich schon sieben Autos mit gelbem Schild auf dem Dach eingereiht. Sie warten auf Kundschaft vor den Diskos. Doch um diese Zeit ist hier kaum jemand unterwegs. „Als die amerikanischen Streitkräfte noch in Bremerhaven stationiert waren, da war in der Stadt was los. Da waren die Diskos noch in der Woche geöffnet“, sagt der Taxifahrer.

Mehmet Ertas Sahin hat bis heute einen Traum. Er ist ungefähr 46 Jahre alt, erzählt er. Sein Vater habe das genaue Geburtsdatum damals, als er aus der Türkei nach Deutschland kam, nicht korrekt in seinen Pass übertragen. Da ist etwas bei den Behörden schiefgelaufen. Der Traum von Mehmet Ertas Sahin war und ist bis heute: Pilot werden.

Bei der Lufthansa konnte er nicht anfangen, da er kein Abi hatte, und für eine selbst finanzierte Ausbildung fehlte das Geld. Als er dann von einem Nachbarn erfuhr, dass man als Taxiunternehmer viel verdienen könne, stieg er Anfang der 1990er Jahre in die Branche ein, um seine Pilotenausbildung zu finanzieren. Der rote Daimler seiner Mutter war sein erstes Auto, in dem er Leute herumchauffierte.

Was sein Bekannter ihm damals allerdings nicht erzählte, war, dass dessen Autos nur mit Krediten finanziert waren und so viel Geld zum Zurücklegen nun auch nicht übrig blieb. Trotzdem blieb Mehmet Ertas Sahin im Taxi-Geschäft. Pech gehabt, könnte man meinen. Aber Mehmet Ertas Sahin hat seinen Traum bis heute nicht aufgegeben – und rückt einen Platz vor am Taxi-Stand.

Es klopft an der Scheibe. Eine junge Frau steht da, schwankt leicht und lacht ihn an: „Hast du eine Zigarette für mich“, fragt sie mit hoher Stimme. „Ich rauche nicht“, sagt Mehmet Ertas Sahin und bietet ihr ein Kaugummi an. „Du bist ein Schatz“, sagt die junge Frau, „ich werde auf jeden Fall zu dir kommen. Wenn ich später ein Taxi brauche, rufe ich an.“

„Man erlebt schon einige komische Momente“, sagt der Taxi-Unternehmer. Leute, die auf seine Rückbank kotzen und sich heimlich verdrücken, um nicht für die Reinigung bezahlen zu müssen, Männer, die nach Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz gefahren werden wollen oder Kunden, die nach Oldenburg zur Dialyse gebracht werden müssen. „Echtes Geld habe ich mit Krankentransporten verdient“, sagt Mehmet Ertas Sahin.
 

Mittelmäßiges Ergebnis
 

Es ist mittlerweile ein Uhr. Mehmet Ertas Sahin hat viel erzählt. Von seinen Flugstunden, die er aufgeben musste, weil das Geld fehlte, von den drei Taxen, für die er keine Fahrer findet, von seinem Sohn, der zum Glück bei ihm und nicht bei seiner geschiedenen Frau lebt. Geld hat er an diesem Abend bisher nicht verdient, kein Kunde ist bisher eingestiegen.

ehmet Ertas Sahin hatte schon erwartet, dass es ruhig werden würde zu Beginn der Nacht. „Wenn es gut läuft, fährt man 250 bis 300 Euro ein, wenn es schlecht läuft, fährt man eben mit null Euro nach Hause.“

In der Nacht ist es mäßig gelaufen. Bis 6 Uhr morgens hatte er neun Touren. Der Umsatz blieb im zweistelligen Bereich. Die junge Frau, die eine Zigarette haben wollte, hat sich allerdings nicht gemeldet.

Dieser Artikel ist am 6. Juli 2013 in der Kreiszeitung Wesermarsch erschienen.

Weihnachtslieder hinter Gittern

NORDDENHAM. Kartoffelsalat und Bockwurst. Zumindest beim Essen gibt es heute an Heiligabend keinen Unterschied zwischen drinnen und draußen. In der Weihnachtszeit herrscht auch in der Justizvollzugsanstalt Nordenham eine andere Stimmung. Für die Gefangenen ist es eine der schwersten Zeiten des Jahres.

Er passt nicht wirklich ins Bild, dieser Baum. Zwei Meter hoch ist er. An den Zweigen hängen rote Kugeln, weiße Kerzen und silberne Glöckchen. Dahinter dann der Gegensatz: Ein langer Gang, links und rechts Gefängniszellen hinter Türen aus dunklem Holz mit schwarzen Eisenverschlägen. Anzeichen von Weihnachten sucht man hier vergebens. In einigen Zellen hängen vielleicht ein paar Fotos der Liebsten – auf das Fest deutet nichts hin.


Der Baum im Flur der JVA wurde von den weiblichen Gefangenen geschmückt. Andreas Reding* hat keine Weihnachtsdekoration in seiner Zelle. Das würde ihn zu sehr an seine Familie erinnern, sagt er.

„Wenn ich meine Zelle weihnachtlich einrichten würde, würde mir das noch mehr wehtun“, sagt Andreas Reding*. Der 32-Jährige ist erst seit zwei Monaten hier. Er wurde wegen Betruges verurteilt. „Ich muss zweieinhalb Jahre sitzen.“ Es ist das erste Mal für ihn, dass er die Weihnachtszeit im Gefängnis verbringt. Es gibt schönere Orte in diesen Tagen als diesen.

Das Gefängnis in Nordenham ist eine Abteilung der Justizvollzugsanstalt Oldenburg. 50 Häftlinge sind hier untergebracht – 44 Männer und sechs Frauen in getrennten Trakten. Die Insassen müssen jedoch nicht unbedingt Tag und Nacht in ihren Zellen bleiben."

Alles minutiös geplant

„Nordenham ist eine Abteilung des offenen Vollzuges“, sagt Dirk Jungenitz. Er ist der Dienstleiter der Einrichtung. „Hier werden Freiheitsstrafen von bis zu vier Jahren abgesessen. Meist geht es um Betrug oder Diebstahl – Gewaltverbrecher sind hier nicht untergebracht.“ Daher können sich die Häftlinge nach einer gewissen Bewährungszeit in einem streng gesetzten Zeitrahmen draußen frei bewegen. Sie können sogar Hafturlaub beantragen und mehrere Tage am Stück auf freien Fuß. Einige arbeiten auch in Betrieben in der Region – können sich so bereits während der Haft ein Leben danach aufbauen.

Andreas Reding ist noch nicht lange genug in der JVA, um Hafturlaub beantragen zu können. Er hat lediglich 30 Stunden Ausgang im Monat – muss aber immer abends wieder zurück sein. Seine letzten zehn Stunden in diesem Jahr hat er für Heiligabend aufgehoben. „Das klingt zwar schrecklich, aber es ist alles minutiös geplant, damit meine Verlobte und ich jede Sekunde miteinander haben.“

Um 20 Uhr muss er wieder in seiner Zelle sein. Geschenke konnte Reding nicht besorgen. Für einen Einkaufsbummel war ihm seine Zeit zu kostbar. Früher war ihm Weihnachten ziemlich egal. Seit er mit seiner Verlobten zusammen ist, hat sich das geändert, haben die Feiertage an Bedeutung gewonnen. „Es ist gerade sehr schlimm, wenn ich weiß, dass meine Familie auf mich wartet und ich daran denke, dass die vorm Weihnachtsbaum sitzen und ich in meiner Zelle.“

Roland Schmidt kennt den Unterschied zwischen der Weihnachtszeit und den anderen Tagen im Knast. Er kommt einmal in der Woche als ehrenamtlicher Seelsorger in das Gefängnis. An Heiligabend leitetet er eine Andacht für jene, die nicht raus dürfen. „Wir haben einen ganz normalen Weihnachtsgottesdienst, singen Lieder, lesen Gedichte vor.“ Roland Schmidt spielt beim Gottesdienst Gitarre, eine Orgel gibt es nicht. Seiner Ansicht nach sollte Weihnachten im Gefängnis ein genauso schönes Fest wie an jedem anderen Ort sein. „Egal, was ein Mensch getan hat, es passiert Weihnachten.“

Bei Andreas Reding ist an Heiligabend jedenfalls ein kleiner Unterschied zum Gefängnis sicher: Es gibt Krustenbraten.

*Name geändert

Dieser Artikel ist am 24. Dezember 2012 in der Kreiszeitung Wesermarsch erschienen.