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Kapitän Jürgen Schwandt / Ankerherz Verlag

Der Kapitän redet Klartext

Hamburg. Rechte Hetze auf der Straße und im Internet ist längst zur Begleiterscheinung der Flüchtlingskrise geworden. Der ehemalige Kapitän Jürgen Schwandt aus Hamburg wollte sich das nicht länger tatenlos mit ansehen. Mittlerweile ist der 79-Jährige wegen seiner deutlichen Meinung bei Facebook eine kleine Berühmtheit. Im Gespräch mit Marcel Ruge spricht er über seinen Umgang mit Pöbeleien im Netz und erzählt, warum er gerade als Seemann klare Kante zeigen müsse.

Herr Schwandt, Sie gehören mit Ihren 79 Jahren nicht gerade zur Generation Facebook. Trotzdem sagen Sie hier Ihre Meinung zur Flüchtlingsdebatte. Warum?

Weil ich ein gebranntes Kind bin. Ich bin Jahrgang 1936, war neun Jahre alt, als Deutschland kapituliert hat, mein Vater war bekennender Nationalsozialist. Ich habe das Dritte Reich weiß Gott nicht verursacht, aber ich habe sehr unter den Kriegsfolgen gelitten, bin im zerbombten Hamburg groß geworden. Wir hatten nichts zu essen, hatten Kohleheizungen, aber keine Kohle. Das war eine böse Zeit. Da habe ich mir damals schon geschworen, dass ich jederzeit, wenn wieder rechte Tendenzen erkennbar sind, dagegen mit aller Konsequenz und ohne Rücksicht auf Bedrohungen vorgehe. Davon lasse ich mich nicht abhalten. Deshalb mache ich das.

Gab es einen konkreten Auslöser?

Ja, anfangs habe ich ja bei Facebook noch Seemannsgeschichten erzählt. Aber als dann die Entwicklung um Pegida und AfD aufkam, Flüchtlingsheime brannten und Flüchtlinge beschimpft und geschlagen worden sind, hat mich das wirklich in Rage versetzt, da haben sich mir die Nackenhaare gesträubt.

Sie haben auf Facebook über 30000 Fans und beziehen klare Kante – zuletzt auch mit einem offenen Brief an die AfD-Spitze. Bekommen Sie auch Hass zu spüren?

Die Rückmeldungen sind weitgehend positiv. Viele freuen sich, dass ich klare Stellung beziehe. Aber natürlich gibt es auch manchmal Pöbler. Damit muss und damit kann ich leben. Einer nannte mich mal einen linksversifften Quallengrabscher, dem wohl das Salzwasser das Gehirn erweicht habe. Das war eine besonders schöne Pöbelei.

Andere gingen härter mit Ihnen ins Gericht, bezeichneten Sie als „Gesocks“, das bald „die Quittung“ bekomme. Wie gehen Sie damit um?

Ich lasse mich davon nicht beirren. Das ändert nichts. Was unter die Gürtellinie geht, wandert direkt in den Papierkorb. Und wenn es strafrechtlich relevant ist, wird der Kamerad angezeigt.

Diskussion ist bei diesen Menschen also zwecklos?

Ja, da sind Hopfen und Malz verloren. Manches erinnert mich sehr an die Zeit der Machtergreifung der Nazis. Da wird gedroht, gepöbelt, auch geschlagen. Das ist ja nichts anderes als die SA damals. Nur damals hat sich die Mehrheit nicht rechtzeitig genug klar davon distanziert, hat geschwiegen. Und dadurch werden diese Leute bestärkt in ihrer Meinung, weil sie keinen Gegenwind bekommen und denken, dass die Leute ihrer Meinung sind.

Könnte sich das wiederholen?

Diese Gefahr sehe ich nicht. Aber die Anfänge sind schon erschreckend genug. Da werden Flüchtlingskinder in der S-Bahn in Berlin angepisst, da werden Flüchtlinge krankenhausreif geschlagen. Das macht mir Angst. Dem muss man ganz klar und drastisch entgegenstehen.

Nach der Silvesternacht in Köln hat die Flüchtlingsdebatte noch mal eine andere Dimension erreicht. Wie bewerten Sie das, was dort passiert ist?

Die Debatte läuft in die verkehrte Richtung. Nach dem Motto: Alle Flüchtlinge sind kriminell, alle sind Vergewaltiger. Das ist ein Blödsinn. Nach dem Krieg sind wir Seeleute ja die Ersten gewesen, die wieder ins Ausland kamen. Da gab’s ja noch kein Neckermann. Was glauben Sie, wie oft ich gehört habe: „Alle Deutschen sind Kriegsverbrecher, alle Deutschen sind Nazis?“ Das ist genau so eine bekloppte Aussage. Ich habe als Seemann sehr früh die Erfahrung gemacht, dass es überall auf der Welt, unabhängig von Nationalität, Rasse, Hautfarbe oder Religion, nette Menschen und Arschlöcher gibt. Man muss sich immer den einzelnen Menschen angucken.

Und was halten Sie von Merkels "„Wir schaffen das"“?

Mir imponiert sie, weil sie ganz konsequent bei ihrer menschlichen Haltung geblieben ist, wider allen Anfeindungen von den Leuten von der CSU mit ihren weiß-blau-karierten Brettern vor dem Kopf. Gleichwohl hat die Politik viel zu spät reagiert. Wir hätten die heutige Debatte nicht, wenn die Menschen schneller dezentral verteilt worden wären. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hätte früher verstärkt werden müssen, es hätte früher Wohnungsbauprogramme geben müssen. Das alles kommt viel zu spät.

Dieses Inerview ist am 28. Januar in der Nordsee-Zeitung erschienen.

Überall Eimer voller Eiswasser

Die ganze Welt schüttet sich Eiswasser über den Kopf. Die Ice Bucket Challenge hat sich zumindest in den westlichen Ländern in rasender Geschwindigkeit vom Internetphänomen zum Teil des Alltags gemausert. Leute, die sich Wasser über den Kopf gießen, sind mittlerweile in etwa so allgegenwärtig wie fliegende Vögel oder bellende Hunde.
Dass zwischen den ersten fröstelnden Pionieren und der massenhaft zelebrierten kalten Dusche gerade mal ein paar Wochen liegen, ist das eigentliche Phänomen des Phänomens. Selbst meine 84-jährige Großmutter weiß Bescheid. „Ganz hinter dem Mond lebe ich ja nicht“, antwortet sie auf meine Frage, ob sie die Ice Bucket Challange kenne. Bis ins kleinste Dorf ist die digitale Herausforderung vorgedrungen, die ursprünglich dazu gedacht war, Geld für die Erforschung der Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose zu sammeln. Selbst, wer der Aufforderung, sich mit Wasser zu übergießen nachkommt, soll eigentlich 10 Euro an die ALS Association spenden. Wer nicht mitmacht, soll 100 Euro geben.
Obwohl dieser Aspekt ein bisschen in Vergessenheit geraten ist, ist das Ergebnis des mit der Ice Bucket Challenge verbundenen Spendenaufrufs enorm. Zwischen dem 29. Juli und dem 27. August hat die ALS Association 94,3 Millionen Dollar an Spenden erhalten. Im Vorjahreszeitraum waren es gerade mal 2,7 Millionen Dollar. 2,1 Millionen neue Spender sind dazugekommen.
Gute Ideen haben sich schon immer durchgesetzt. Aber so schnell geht es erst, seit jeder mit jedem direkt vernetzt ist. Eine Blödelei mit gutem Zweck führt uns gerade die unglaubliche Macht der sozialen Netzwerke vor Augen. Zum Glück ist’s nur eine kalte Dusche. Was wohl als Nächstes kommt?