Archiv der Kategorie: Nordsee-Zeitung

Kleiner Grenzverkehr auf der Buslinie 505

Ziemlich genau 25 Kilometer sind es von Debstedt bis an die südlichste Spitze Bremerhavens in Wulsdorf. Gut 75 Minuten dauert die Fahrt mit der Buslinie 505. Keine Weltreise, aber doch eine Reise durch ganz verschiedene Welten. Meine Multi-Media-Reportage zeigt, wie sich die Welt zwischen Debstedt und Wulsdorf Haltestelle für Haltestelle verändert.

[Zur Multi-Media-Reportage]

Ausgabe der Nordsee-Zeitung zur Buslinie 505.
Ausgabe der Nordsee-Zeitung zur Buslinie 505.

Kapitän Jürgen Schwandt / Ankerherz Verlag

Der Kapitän redet Klartext

Hamburg. Rechte Hetze auf der Straße und im Internet ist längst zur Begleiterscheinung der Flüchtlingskrise geworden. Der ehemalige Kapitän Jürgen Schwandt aus Hamburg wollte sich das nicht länger tatenlos mit ansehen. Mittlerweile ist der 79-Jährige wegen seiner deutlichen Meinung bei Facebook eine kleine Berühmtheit. Im Gespräch mit Marcel Ruge spricht er über seinen Umgang mit Pöbeleien im Netz und erzählt, warum er gerade als Seemann klare Kante zeigen müsse.

Herr Schwandt, Sie gehören mit Ihren 79 Jahren nicht gerade zur Generation Facebook. Trotzdem sagen Sie hier Ihre Meinung zur Flüchtlingsdebatte. Warum?

Weil ich ein gebranntes Kind bin. Ich bin Jahrgang 1936, war neun Jahre alt, als Deutschland kapituliert hat, mein Vater war bekennender Nationalsozialist. Ich habe das Dritte Reich weiß Gott nicht verursacht, aber ich habe sehr unter den Kriegsfolgen gelitten, bin im zerbombten Hamburg groß geworden. Wir hatten nichts zu essen, hatten Kohleheizungen, aber keine Kohle. Das war eine böse Zeit. Da habe ich mir damals schon geschworen, dass ich jederzeit, wenn wieder rechte Tendenzen erkennbar sind, dagegen mit aller Konsequenz und ohne Rücksicht auf Bedrohungen vorgehe. Davon lasse ich mich nicht abhalten. Deshalb mache ich das.

Gab es einen konkreten Auslöser?

Ja, anfangs habe ich ja bei Facebook noch Seemannsgeschichten erzählt. Aber als dann die Entwicklung um Pegida und AfD aufkam, Flüchtlingsheime brannten und Flüchtlinge beschimpft und geschlagen worden sind, hat mich das wirklich in Rage versetzt, da haben sich mir die Nackenhaare gesträubt.

Sie haben auf Facebook über 30000 Fans und beziehen klare Kante – zuletzt auch mit einem offenen Brief an die AfD-Spitze. Bekommen Sie auch Hass zu spüren?

Die Rückmeldungen sind weitgehend positiv. Viele freuen sich, dass ich klare Stellung beziehe. Aber natürlich gibt es auch manchmal Pöbler. Damit muss und damit kann ich leben. Einer nannte mich mal einen linksversifften Quallengrabscher, dem wohl das Salzwasser das Gehirn erweicht habe. Das war eine besonders schöne Pöbelei.

Andere gingen härter mit Ihnen ins Gericht, bezeichneten Sie als „Gesocks“, das bald „die Quittung“ bekomme. Wie gehen Sie damit um?

Ich lasse mich davon nicht beirren. Das ändert nichts. Was unter die Gürtellinie geht, wandert direkt in den Papierkorb. Und wenn es strafrechtlich relevant ist, wird der Kamerad angezeigt.

Diskussion ist bei diesen Menschen also zwecklos?

Ja, da sind Hopfen und Malz verloren. Manches erinnert mich sehr an die Zeit der Machtergreifung der Nazis. Da wird gedroht, gepöbelt, auch geschlagen. Das ist ja nichts anderes als die SA damals. Nur damals hat sich die Mehrheit nicht rechtzeitig genug klar davon distanziert, hat geschwiegen. Und dadurch werden diese Leute bestärkt in ihrer Meinung, weil sie keinen Gegenwind bekommen und denken, dass die Leute ihrer Meinung sind.

Könnte sich das wiederholen?

Diese Gefahr sehe ich nicht. Aber die Anfänge sind schon erschreckend genug. Da werden Flüchtlingskinder in der S-Bahn in Berlin angepisst, da werden Flüchtlinge krankenhausreif geschlagen. Das macht mir Angst. Dem muss man ganz klar und drastisch entgegenstehen.

Nach der Silvesternacht in Köln hat die Flüchtlingsdebatte noch mal eine andere Dimension erreicht. Wie bewerten Sie das, was dort passiert ist?

Die Debatte läuft in die verkehrte Richtung. Nach dem Motto: Alle Flüchtlinge sind kriminell, alle sind Vergewaltiger. Das ist ein Blödsinn. Nach dem Krieg sind wir Seeleute ja die Ersten gewesen, die wieder ins Ausland kamen. Da gab’s ja noch kein Neckermann. Was glauben Sie, wie oft ich gehört habe: „Alle Deutschen sind Kriegsverbrecher, alle Deutschen sind Nazis?“ Das ist genau so eine bekloppte Aussage. Ich habe als Seemann sehr früh die Erfahrung gemacht, dass es überall auf der Welt, unabhängig von Nationalität, Rasse, Hautfarbe oder Religion, nette Menschen und Arschlöcher gibt. Man muss sich immer den einzelnen Menschen angucken.

Und was halten Sie von Merkels "„Wir schaffen das"“?

Mir imponiert sie, weil sie ganz konsequent bei ihrer menschlichen Haltung geblieben ist, wider allen Anfeindungen von den Leuten von der CSU mit ihren weiß-blau-karierten Brettern vor dem Kopf. Gleichwohl hat die Politik viel zu spät reagiert. Wir hätten die heutige Debatte nicht, wenn die Menschen schneller dezentral verteilt worden wären. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hätte früher verstärkt werden müssen, es hätte früher Wohnungsbauprogramme geben müssen. Das alles kommt viel zu spät.

Dieses Inerview ist am 28. Januar in der Nordsee-Zeitung erschienen.

Brückenbauer für die Seeleute

Sie sind der erste Ansprechpartner, das Begrüßungskomitee und manchmal auch Retter in der Not. Die Mitarbeiter der Seemannsmission bauen Brücken für die Seeleute in Bremerhaven. Wir haben sie bei der Arbeit begleitet.

Wenn Christine Freytag ihre Sachen packt, weiß sie nie, was sie erwartet. Sie wirft ihren Rucksack in den roten Kastenwagen, zieht sich ihre blaue Warnweste über und macht sich auf in Richtung Hafen. „"Das ist immer eine Überraschung“", sagt sie. Welche Schiffe gerade an der Kaje liegen, erfährt die 41-jährige Diakonin per Internet. Auf der Anzeige des Schiffsinformationsdienstes sind die Containerfrachter als bunte Punkte wie eine Perlenkette an der virtuellen Stromkaje aufgereiht – zwei bis drei steuert Christine Freytag pro Einsatz an. Sie ist für den Schiffsbesuchsdienst der Seemannsmission zuständig. Sie meldet sich nicht vorher an. Sie fährt einfach los.

Multi-Media-Reportage zu diesem Beitrag

Die rote Warnleuchte blinkt, als die Diakonin durch den Hafen fährt. Sie hat Zugang, wo andere nicht hinkommen, fährt vorbei an den riesigen Stahlboxen und den umhersausenden Vancarriern bis an die Kaje. Dort parkt sie direkt unter den Containerbrücken, schnappt sich den Rucksack und läuft die steile stählerne Gangway zu den dicken Pötten hinauf. "„Seamen’s Mission“", sagt sie zu dem Crew-Mitglied, das auf der „MSC Lieselotte“ am Eingang zum Schiff steht. Ohne Anmeldung kommt hier keiner an Bord. Dann geht es durch ein Labyrinth aus Treppen, Gängen und Luken in das innere des Stahlkolosses. Das Ziel: Die Schiffsmesse.

Wo die Seeleute Dampf ablassen können“

Hier macht ein Teil der Crew gerade Mittag. Jetzt geht die Arbeit für Christine Freytag los. „Ich sorge dafür, dass die Leute Informationen über die Umgebung bekommen.“ Wo der Seemannsclub ist, wo man etwas einkaufen, wo man Geld in die Heimat schicken kann? – Christine Freytag kennt die Antworten.

Und sie hat Telefonkarten dabei. Die sind noch immer heiß begehrt auf den Schiffen. Internet und Telefon auf hoher See ist längst nicht überall Standard. Da brauchen die Seeleute ein funktionierendes Smartphone.

Was zunächst ziemlich geschäftlich wirkt, ist für Christine Freytag allerdings nur der Türöffner. Nicht immer, aber manchmal, entspinnen sich aus den kurzen Stippvisiten lange Gespräche. "„Man bekommt an Bord schon den Ton der Besatzung untereinander mit, manchmal wollen die Leute auch Dampf ablassen“", sagt Freytag. "„Es gab auch schon Situationen, wo jemand gesagt hat: ,Dich schickt der Himmel‘ weil er dringend zum Zahnarzt musste.“"

An einem der Tische sitzt Sandeep Kumar aus Indien. Er ist Zweiter Offizier an Bord des Schiffes und froh über die Besuche der Seemannsmission. "„Es ist sehr wichtig für uns, dass wir wissen, wie die Lage vor Ort ist“", sagt der Inder. "„Es ist nicht so leicht, uns in der Umgebung zurechtzufinden, hier hilft uns die Seemannsmission.“"

Christine Freytag arbeitet seit fünfeinhalb Jahren für die christliche Einrichtung. „"Ich bin schon mit dem Hang zum Wasser geboren“", sagt die Osnabrückerin. Sie liebe die Internationalität bei ihrem Beruf. "„Manchmal würde ich gerne mitfahren"“, sagt sie, auch wenn sie weiß, dass ein kurzer Besuch etwas anderes ist, als Monate ohne festen Boden unter den Füßen und weit weg von der Familie. „"Viele Seeleute leiden darunter, wenn sie ihre Familien so lange nicht sehen“", sagt Freytag.

Wohnzimmer für die Seeleute

Ein Seemann auf dem nächsten Schiff -– der „Miramarin“ -– zeigt ihr das Foto seines zweieinhalb Jahre alten Sohnes und guckt halb glücklich, halb traurig. Ein anderer fragt: "„Ich brauche noch Schuhe, wann machen die Geschäfte zu?“"

Als Christine Freytag alle Fragen beantwortet hat, geht sie wieder von Bord. Mit in ihrem roten Kastenwagen sitzen nun zwei Seeleute, die zum Seemannsclub „Welcome“ an der Eisenbahndrehbrücke wollen. Dort steht Antje Zeller hinterm Tresen. Die 53-Jährige leitet den Club, seit 29 Jahren arbeitet sie bei der Seemannsmission. In den Sesseln sitzen einige Seeleute, sie blicken auf ihre Handys, reden über das Internet mit ihren Familien. "„Die Schiffe liegen hier nur ein paar Stunden, da möchten sich die Seeleute entspannen, ihre Freizeit gestalten und in erster Linie Kontakt mit ihren Familien aufnehmen“", sagt Zeller. Der Club ist Bar, Wohnzimmer, Andachtsraum und Fitnessstudio in einem. Draußen spielen die Seeleute mit dem Hund von Antje Zeller. Neben dem Sportplatz rollt gerade ein riesiger Autotransporter vorbei. Die große weite Welt ist hier ganz dicht dran.

Valentin Lodz ist zu Hause im Seemannsheim

In der Seemannsmission an der Schifferstraße ist das nicht anders. 36 Betten stehen hier für die Seemänner zur Verfügung. Geleitet wird die Einrichtung von Dirk Obermann. "„Wir sind so etwas wie ein kleines Hotel für Seeleute“", sagt er. Wer auf den nächsten Einsatz warte, finde Unterschlupf. Das Heim wirkt wie eine moderne Jugendherberge, am Eingang gibt es einen Tresen, hier trinken die Männer Bier, schnacken oder nehmen Kontakt zur Heimat auf. Die Zimmer sind hell und freundlich. Auch Seeleute wollen Komfort.

Einige sind aber nicht nur für ein paar Tage hier. Valentin Lodz zum Beispiel. Der 70-Jährige geht seit 20 Jahren im Seemannsheim ein und aus. Bis vor fünf Jahren ist er als Koch zur See gefahren, seitdem wohnt er fest hier. "„Hier kommt man mit Menschen zusammen, egal, welche Nationalität sie haben“", sagt Lodz. Er brauche nur die Treppe herunterzugehen, sei nie einsam. "„Hier kennt man Hans und Kunz und Franz“", sagt er und schlürft seinen Kaffee.

"Die christliche Einrichtung stehe für jeden offen", sagt Einrichtungsleiter Dirk Obermann. Religiosität sei nicht Voraussetzung, um die Dienste des Seemannsheims in Anspruch nehmen zu können. Das gelte für die ganze Seemannsmission. „"Wir sind so ein bisschen das Begrüßungskomitee für die Seeleute"“, sagt Obermann. „"Wir repräsentieren die Stadt.“"

Diese Reportage ist am 7. November in der Nordsee-Zeitung erschienen.

Provokante These zum VW-Skandal

Wollten die Ingenieure bei VW durch ihre Manipulationen gar nicht für mehr Leistung bei Diesel-Fahrzeugen sorgen, wie es derzeit beim Abgasskandal vermutet wird? Prof. Wilfried Schütz von der Hochschule Bremerhaven hält einen ganz anderen Grund für die Schummelei bei den Abgastests für möglich. Er glaubt, dass das ganze Reinigungssystem gar nicht alltagstauglich ist.

Diese These stellte Schütz am Donnerstag im Rahmen einer regulären Vorlesung an der Hochschule zum Thema Abluft und Abgastechnik auf. Wenn sie stimmt, dürften bei VW weit mehr notwendig sein, als ein Software-Update oder ein paar Änderungen an der Technik, um die Abgaswerte wieder einzuhalten. Und der 57-jährige Hochschullehrer für thermische, chemische sowie Umweltverfahrenstechnik weiß, wovon er spricht. Er hat selbst vier Jahre an der Entwicklung von Katalysatoren für Dieselmotoren gearbeitet. Wie heute bei VW ging es auch ihm damals darum, Stickoxide aus dem Abgas zu entfernen. "„Als ich von dem Skandal erfuhr, habe ich sofort an meine Versuche gedacht“", sagt der Ingenieur.

Schütz arbeitete von 1988 bis 1992 für das Unternehmen Didier an der Frage, wie man die giftigen Stickoxide aus dem Abgas von Dieselmotoren entfernen kann. "„Ich habe zwei Jahre gebraucht, um dahinter zu kommen, wie es funktioniert.“" Es sei nämlich äußerst kompliziert, mit Hilfe einer Harnstofflösung (in Deutschland als AdBlue bekannt) Stickoxide herauszufiltern. Wilfried Schütz gelang es, weil er das platzintensive Verfahren für stationäre Motoren entwickelte. „Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass eine solche Technologie einmal millionenfach in Autos eingebaut wird.“

Wilfried Schütz vermutet daher, dass das Reinigungsverfahren mit AdBlue im Pkw nur für einen kurzen Zeitraum richtig funktioniert. Es fehle schlicht der Platz, ohne den die chemischen Prozesse auf Dauer nicht korrekt ablaufen könnten. Deshalb habe VW eine Software entwickelt, die das Verfahren nur auf dem Prüfstand aktiviert und im Regelbetrieb ausschaltet. "„Warum schaltet VW ein System sonst mal dazu und dann wieder ab?"“, fragt sich Schütz. Auch denkbar sei, dass VW den Verbrauch von AdBlue auf der Straße durch die Manipulationen reduzieren wollte. Dass mehr Leistung das Ziel der Manipulationen war, hält er für unwahrscheinlich, da durch den Diesel-Katalysator kaum Leistung verloren gehe.

Appell an die Studenten

Wilfried Schütz appellierte in der Vorlesung an seine Studenten, später ihre Arbeit selbstkritisch zu betrachten. "„Wir müssen hinterfragen, ob die Technologien für das Ziel, dass wir erreichen wollen, sinnvoll sind."“ In der Autoindustrie hätten sich die Ingenieure nur auf die späteren Tests versteift, statt an die großen Zusammenhänge zu denken. Dabei könne für den Umweltschutz mehr erreicht werden, wenn beispielsweise Schiffsmotoren weiterentwickelt werden, statt bei modernen Autos noch ein paar Prozent mehr herausholen zu wollen.

Dieser Beitrag ist am 2. Oktober in der Nordsee-Zeitung erschienen.