Brückenbauer für die Seeleute

Sie sind der erste Ansprechpartner, das Begrüßungskomitee und manchmal auch Retter in der Not. Die Mitarbeiter der Seemannsmission bauen Brücken für die Seeleute in Bremerhaven. Wir haben sie bei der Arbeit begleitet.

Wenn Christine Freytag ihre Sachen packt, weiß sie nie, was sie erwartet. Sie wirft ihren Rucksack in den roten Kastenwagen, zieht sich ihre blaue Warnweste über und macht sich auf in Richtung Hafen. „"Das ist immer eine Überraschung“", sagt sie. Welche Schiffe gerade an der Kaje liegen, erfährt die 41-jährige Diakonin per Internet. Auf der Anzeige des Schiffsinformationsdienstes sind die Containerfrachter als bunte Punkte wie eine Perlenkette an der virtuellen Stromkaje aufgereiht – zwei bis drei steuert Christine Freytag pro Einsatz an. Sie ist für den Schiffsbesuchsdienst der Seemannsmission zuständig. Sie meldet sich nicht vorher an. Sie fährt einfach los.

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Die rote Warnleuchte blinkt, als die Diakonin durch den Hafen fährt. Sie hat Zugang, wo andere nicht hinkommen, fährt vorbei an den riesigen Stahlboxen und den umhersausenden Vancarriern bis an die Kaje. Dort parkt sie direkt unter den Containerbrücken, schnappt sich den Rucksack und läuft die steile stählerne Gangway zu den dicken Pötten hinauf. "„Seamen’s Mission“", sagt sie zu dem Crew-Mitglied, das auf der „MSC Lieselotte“ am Eingang zum Schiff steht. Ohne Anmeldung kommt hier keiner an Bord. Dann geht es durch ein Labyrinth aus Treppen, Gängen und Luken in das innere des Stahlkolosses. Das Ziel: Die Schiffsmesse.

Wo die Seeleute Dampf ablassen können“

Hier macht ein Teil der Crew gerade Mittag. Jetzt geht die Arbeit für Christine Freytag los. „Ich sorge dafür, dass die Leute Informationen über die Umgebung bekommen.“ Wo der Seemannsclub ist, wo man etwas einkaufen, wo man Geld in die Heimat schicken kann? – Christine Freytag kennt die Antworten.

Und sie hat Telefonkarten dabei. Die sind noch immer heiß begehrt auf den Schiffen. Internet und Telefon auf hoher See ist längst nicht überall Standard. Da brauchen die Seeleute ein funktionierendes Smartphone.

Was zunächst ziemlich geschäftlich wirkt, ist für Christine Freytag allerdings nur der Türöffner. Nicht immer, aber manchmal, entspinnen sich aus den kurzen Stippvisiten lange Gespräche. "„Man bekommt an Bord schon den Ton der Besatzung untereinander mit, manchmal wollen die Leute auch Dampf ablassen“", sagt Freytag. "„Es gab auch schon Situationen, wo jemand gesagt hat: ,Dich schickt der Himmel‘ weil er dringend zum Zahnarzt musste.“"

An einem der Tische sitzt Sandeep Kumar aus Indien. Er ist Zweiter Offizier an Bord des Schiffes und froh über die Besuche der Seemannsmission. "„Es ist sehr wichtig für uns, dass wir wissen, wie die Lage vor Ort ist“", sagt der Inder. "„Es ist nicht so leicht, uns in der Umgebung zurechtzufinden, hier hilft uns die Seemannsmission.“"

Christine Freytag arbeitet seit fünfeinhalb Jahren für die christliche Einrichtung. „"Ich bin schon mit dem Hang zum Wasser geboren“", sagt die Osnabrückerin. Sie liebe die Internationalität bei ihrem Beruf. "„Manchmal würde ich gerne mitfahren"“, sagt sie, auch wenn sie weiß, dass ein kurzer Besuch etwas anderes ist, als Monate ohne festen Boden unter den Füßen und weit weg von der Familie. „"Viele Seeleute leiden darunter, wenn sie ihre Familien so lange nicht sehen“", sagt Freytag.

Wohnzimmer für die Seeleute

Ein Seemann auf dem nächsten Schiff -– der „Miramarin“ -– zeigt ihr das Foto seines zweieinhalb Jahre alten Sohnes und guckt halb glücklich, halb traurig. Ein anderer fragt: "„Ich brauche noch Schuhe, wann machen die Geschäfte zu?“"

Als Christine Freytag alle Fragen beantwortet hat, geht sie wieder von Bord. Mit in ihrem roten Kastenwagen sitzen nun zwei Seeleute, die zum Seemannsclub „Welcome“ an der Eisenbahndrehbrücke wollen. Dort steht Antje Zeller hinterm Tresen. Die 53-Jährige leitet den Club, seit 29 Jahren arbeitet sie bei der Seemannsmission. In den Sesseln sitzen einige Seeleute, sie blicken auf ihre Handys, reden über das Internet mit ihren Familien. "„Die Schiffe liegen hier nur ein paar Stunden, da möchten sich die Seeleute entspannen, ihre Freizeit gestalten und in erster Linie Kontakt mit ihren Familien aufnehmen“", sagt Zeller. Der Club ist Bar, Wohnzimmer, Andachtsraum und Fitnessstudio in einem. Draußen spielen die Seeleute mit dem Hund von Antje Zeller. Neben dem Sportplatz rollt gerade ein riesiger Autotransporter vorbei. Die große weite Welt ist hier ganz dicht dran.

Valentin Lodz ist zu Hause im Seemannsheim

In der Seemannsmission an der Schifferstraße ist das nicht anders. 36 Betten stehen hier für die Seemänner zur Verfügung. Geleitet wird die Einrichtung von Dirk Obermann. "„Wir sind so etwas wie ein kleines Hotel für Seeleute“", sagt er. Wer auf den nächsten Einsatz warte, finde Unterschlupf. Das Heim wirkt wie eine moderne Jugendherberge, am Eingang gibt es einen Tresen, hier trinken die Männer Bier, schnacken oder nehmen Kontakt zur Heimat auf. Die Zimmer sind hell und freundlich. Auch Seeleute wollen Komfort.

Einige sind aber nicht nur für ein paar Tage hier. Valentin Lodz zum Beispiel. Der 70-Jährige geht seit 20 Jahren im Seemannsheim ein und aus. Bis vor fünf Jahren ist er als Koch zur See gefahren, seitdem wohnt er fest hier. "„Hier kommt man mit Menschen zusammen, egal, welche Nationalität sie haben“", sagt Lodz. Er brauche nur die Treppe herunterzugehen, sei nie einsam. "„Hier kennt man Hans und Kunz und Franz“", sagt er und schlürft seinen Kaffee.

"Die christliche Einrichtung stehe für jeden offen", sagt Einrichtungsleiter Dirk Obermann. Religiosität sei nicht Voraussetzung, um die Dienste des Seemannsheims in Anspruch nehmen zu können. Das gelte für die ganze Seemannsmission. „"Wir sind so ein bisschen das Begrüßungskomitee für die Seeleute"“, sagt Obermann. „"Wir repräsentieren die Stadt.“"

Diese Reportage ist am 7. November in der Nordsee-Zeitung erschienen.