Frau Piethan sagt Hallo

Die Kinder in der Klasse von Alisa Piethan kommen aus Syrien, Bulgarien oder Rumänien. Ihre Familien sind geflohen oder suchen hier eine bessere Zukunft. Auch für diese Kinder gilt die Schulpflicht. Doch meist sprechen sie kein Deutsch und müssen sich in einer völlig neuen Kultur zurechtfinden. Bei den Willkommenskursen der AWO sollen sie auf den Schulalltag vorbereitet werden – und ganz einfach Kind sein dürfen.

Wenn Alisa Piethan ihren Schülern eine Aufgabe gibt, weiß sie, dass nur wenige genau verstehen, was sie eigentlich meint. „"Ich spreche hier Deutsch“", sagt die 30-jährige Lehrerin. Für ihre Schüler gilt das nicht. Sie sprechen arabisch, rumänisch oder bulgarisch und sind zwischen 6 und 13 Jahre alt. Einige haben schon die Schule besucht, andere hatten dazu bisher keinen Zugang, manche sind möglicherweise traumatisiert. Trotzdem sollen alle gemeinsam lernen. Kann das funktionieren? Alisa Piethan ist sich sicher, dass das klappt. Sie hält eine Zeitung hoch, und schreibt das Wort an die Tafel. Die Kinder schreiben mit und sprechen nach: „Zei-tung“ – wieder ein neues Wort.

Ausflug mit den Flüchtlingskindern in die Kunstgalerie

Die Klasse von Alisa Piethan ist einer von elf Willkommenskursen in Bremerhaven. "„Am Ende sollen sich die Kinder auf Deutsch verständigen können und wissen, was in der Schule von ihnen verlangt wird“", sagt Piethan. Ein strammes Programm für die acht Wochen, die vorgesehen sind. Unmöglich sei es aber nicht. "„Das ist sehr wichtig, was wir hier machen“", sagt die Russin, die vor acht Jahren nach Deutschland gekommen ist und seit vier Jahren in Bremerhaven lebt. Sie hat in ihrer Heimat Deutsch studiert, weiß, wie schwer es auch mit Sprachkenntnissen ist, in einem anderen Land Fuß zu fassen. Da brauche es einen guten Start.

In den Kursen geht es nicht allein um die Sprache. "„Deutsch kommt bei den Kindern von ganz alleine“", sagt die Lehrerin. "„Wir sprechen und spielen hier viel.“" An diesem Vormittag steht basteln auf dem Programm. Die Kinder schneiden sich Mützen und Schürzen aus Zeitungspapier, setzen sie sich gegenseitig auf. Sie lachen, reden miteinander, auch wenn sie gar nicht die gleiche Sprache sprechen. „"Die Kinder sind sehr lieb zueinander“", sagt die Lehrerin. Kulturelle Unterschiede gebe es hier nicht. Flüchtlingskinder dürfen hier einfach Kinder sein.

Jede Woche steht ein anderes Thema auf dem Programm. Die Kinder waren schon gemeinsam im Baumarkt oder haben die Galerie Goethe45 in Lehe besucht. "„Es geht in den Kursen darum, dass sich die Kinder willkommen fühlen“", sagt Leyla Weiß, die die Kurse bei der AWO koordiniert. Ganz nebenbei sollen die Kinder noch das Schulsystem kennenlernen, Pünktlichkeit erlernen und auch ein regelmäßiges Frühstück erhalten. "„Im besten Fall haben sie bei uns auch schon ihren Schulweg einmal abgelaufen“", sagt Weiß.

In der Klasse von Alisa Piethan steht die nächste Aufgabe an. Die Kinder sollen fünf verschiedene Wörter in einem Zeitungsartikel finden und markieren. Die Lehrerin hilft. "„Dankeschön, Frau Piethan“", sagt Erhan aus Bulgarien, nachdem er mit der Aufgabe fertig ist -– wieder ein neues Wort.

Dieser Beitrag ist am 29. September 2015 in der Nordsee-Zeitung erschienen.