Der digitale Dolmetscher

Wird da ein Menschheitstraum wahr? Einer spricht Spanisch, der andere Deutsch – und trotzdem verstehen sich beide. Seit einigen Wochen ist mit dem Skype Translator per Software ein Gespräch auch über Sprachgrenzen hinweg möglich. Wie gut das klappt und wo die Stolpersteine liegen – hier die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was ist der Skype Translator?

Die Software Skype Translator wird momentan in der Testphase kostenlos für Windows in den Versionen 8.1 und 10 angeboten. Einmal installiert, unterscheidet sich das Programm kaum von der herkömmlichen Version, mit der man seit Jahren per Internet Video-Telefonate um den ganzen Globus führen kann. Doch der Translator kann mehr als nur Sprache und Bild zu übermitteln. Er erkennt das gesprochene Wort, übersetzt es und lässt eine Computerstimme das Gesagte in einer fremden Sprache sprechen. Derzeit funktioniert das Ganze mit Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch und Chinesisch.

Wie funktioniert die Übersetzung?

"„Die Spracherkennung ist der erste Schritt"“, sagt Dr. Siegfried Kunzmann. Kunzmann arbeitet seit Jahren daran, menschliche Sprache per Computer zu verarbeiten. 17 Jahre war er bei IBM, seit neun Jahren arbeitet er für das European Media Laboratory (EML) in Heidelberg. Der Computer müsse zunächst wissen, welche Wörter da gerade gesprochen werden. „Die heutigen Technologien funktionieren noch nicht überall.“ Wo viele Störgeräusche auftauchen, wird es schwierig. Zudem gibt es einen großen Unterschied zwischen einer Unterhaltung und einem abgelesenen Text. "„Der Mensch überlegt sich nicht, was er sagen will“", sagt Kunzmann. Sätze ohne Punkt und Komma, ohne richtiges Ende –- das sei eine Herausforderung für die Software. Erst wenn die Sätze richtig erkannt worden sind, könne man an eine Übersetzung denken.

Und worauf kommt es dabei an?

"„Das wichtigste sind Daten, Daten, Daten“", sagt Siegfried Kunzmann, „und zwar echte Daten darüber, wie Menschen miteinander sprechen.“ Denn computergestützte Übersetzung ist vor allem Statistik. Hinter Skype steckt der Microsoft-Konzern. Und der verwendet die Daten der Unterhaltungen, um seine Software permanent zu verbessern – klingt gut, heißt aber auch, dass zahlreiche private Gespräche mitgeschnitten werden. Der Rest ist Mathematik: „"Hinter den Übersetzungsprogrammen stecken statistische Berechnungen, es werden riesige Textmassen gesammelt und abgeglichen"“, sagt Prof. Dr. Klaus Schubert vom Institut für Übersetzungswissenschaft und Fachkommunikation an der Universität Hildesheim. Wörter, die in einem bestimmten Zusammenhang auftauchen, werden so Bedeutungen zugeordnet und diese Bedeutung wird in der anderen Sprache mit anderen Wörtern wiedergegeben. "„Das wird seit 25 Jahren gemacht, aber es passieren immer noch die schlimmsten Fehler.“"

Wieso ist diese Übersetzung so fehleranfällig?

„"Es kommt auf die Beziehung der Wörter an, sie sind variabel in der Bedeutung“", sagt Klaus Schubert. „Das ist schwer zu automatisieren.“ Der Computer verfüge nicht über den Erfahrungshorizont des Menschen, um einzuschätzen, wie etwas gemeint ist. So können „concrete steps“ im Englischen sowohl für „Betonstufen“ als auch für „bestimmte Maßnahmen stehen“.

Wird es also nichts vom Traum der weltweiten Verständigung?

Da gehen die Meinungen auseinander. „"Die Technik ist gut für Themen, über die ohnehin viel geredet wird“", sagt Klaus Schubert. Hier gebe es viele Daten und immer bessere Ergebnisse. Man werde aber nicht daran vorbeikommen, die Sprache zu lernen. Anders sieht das der Praktiker Siegfried Kunzmann. "„Die Schwelle für den sinnvollen Einsatz ist bald erreicht.“" Auch wenn ein Computer die Zwischentöne wohl nie wird verstehen können – für Unterhaltungen im Alltag wird die Technik, so Kunzmann, schon bald reif sein. "„Das wird vielleicht noch zehn Jahre dauern."“ Dann brauche man für eine Unterhaltung in einer fremden Sprache nicht viel mehr als ein Mikrofon, Kopfhörer und eine Internetverbindung.

Dieser Beitrag ist am 28. August in der Nordsee-Zeitung erschienen.