Heidrun Friese von der TU Chemnitz fordert ein neues Einwanderungssystem. Foto privat

„Unser Einwanderungssystem ist falsch“

CHEMNITZ. Mehr Härte gegen Schleuser und eine Ausweitung der Seenotrettung sind aus Sicht von Prof. Dr. Heidrun Friese von der TU Chemnitz die falschen Wege, um der Flüchtlingskatastrophe zu begegnen. Die Professorin für Interkulturelle Kommunikation fordert im Interview mit Marcel Ruge ein völlig neues Einwanderungssystem.

Frau Friese, Tausende Menschen fliehen nach Europa und riskieren dafür ihr Leben. Sie haben in den vergangenen Jahren mit Flüchtlingen auf Lampedusa gesprochen. Was sind die Motive der Menschen, die hier herkommen wollen?

Ein großer Punkt ist schlicht und einfach Freiheit. Ich habe mit vielen gesprochen und dabei festgestellt, dass unsere Kategorien einfach nicht zutreffen. Armut, Krieg und wirtschaftliche Missstände werden bei uns gerne als Erklärung angeführt. Es ist aber ein Fehlschluss, dass sich Menschen nur aus ökonomisch-rationalen Gründen bewegen, das ist nur ein Teil. Es gibt ein ganzes Bündel an Motivationen.

In Syrien tobt ein blutiger Bürgerkrieg. Hier ist es doch sicher nicht zuerst der Gedanke an Freiheit, der die Menschen zur Flucht bewegt.

Natürlich. Das ist ein anderer Fall. Auch ich würde als Syrier nichts anderes tun, würde flüchten und mich nicht zusammenschießen lassen. Das ändert aber nichts an dem grundsätzlichen Problem, dass wir völlig falsch mit den Wünschen der Menschen umgehen.

Wieso?

Wir nehmen uns als Europäer das Recht heraus, reisen zu können, wohin wir wollen. Das wird als ganz selbstverständlich angesehen, und das ist ungerecht. In der Erklärung der Menschenrechte wird jedem ein Recht auf Freiheit zugestanden. Doch dass die Menschen aus Afrika gar nicht die Möglichkeit haben, legal zu uns zu kommen, wird völlig vergessen.

Was müsste sich ändern?

Das Einwanderungssystem müsste geändert werden. Dann bräuchte man Frontex nicht mehr, weil die Leute in ein Flugzeug steigen könnten und nicht tot aus dem Meer gefischt werden müssten. Man könnte dadurch auch Kosten einsparen. Mare Nostrum hat im Monat 1,5 Millionen Euro gekostet. Dazu kommen die Ausgaben für die Flüchtlingsaufnahme. Es ist ein irrwitziges System. In einem nächsten Projekt möchte ich zusammen mit Ökonomen mal beleuchten, ob es sich wirklich rechnet. Ich glaube es nicht.

Aber mit einem anderen Einwanderungssystem kommen doch auch neue Probleme auf uns und unsere Sozialsysteme zu, oder nicht?

Bei uns wird immer davon ausgegangen, als würden wir überrollt werden, als wäre jeder Flüchtling ein Homo oeconomicus und hätte es nur auf Sozialhilfe abgesehen. Von dem Wunsch nach Sozialhilfe habe ich bei meiner Feldforschung und den Gesprächen mit den Flüchtlingen nie etwas gehört. Zudem könnte man ganz pragmatisch sagen, dass es keine Sozialhilfe für jeden gibt.Aber die Menschen wollen gar nicht hier herkommen, um Sozialhilfe zu kriegen, die wollen arbeiten, sich ein Leben aufbauen, aber auch frei sein.

Am Donnerstag beraten die Staats- und Regierungschefs darüber, wie man mit der Flüchtlingskatastrophe umgehen sollte. Glauben Sie, dass sich etwas ändert?

Ich fürchte nicht. Eine Einwanderungspolitik, wie ich sie fordere, lässt sich derzeit nicht durchsetzen. Es werden stattdessen wieder mehr Mittel gefordert werden. Dann wird es vielleicht ein paar mehr Schiffe für die Operation „Triton“ und mehr Gelder für Frontex geben. Das ist Kosmetik – mehr nicht.

Warum sind Sie da so sicher?

Schon 2013, als es knapp 400 tote Flüchtlinge vor Lampedusa gab, hat man gesagt, das sich alles ändern muss. Aber ändern werden sich höchstens die Routen der Menschen. Man wird die Menschen, die ihr Leben ändern wollen, nicht aufhalten. Es bräuchte in Europa eine Vision und jemanden, der in der Lage ist, das politisch umzusetzen. Aber die Vernunft setzt sich leider nicht immer durch.

    Dieses Interview ist am 21. April 2014 in der Nordsee-Zeitung erschienen.